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Produktion und die Hubbert-Kurve
Die Produktion bzw. Förderung von Öl scheint nicht
schwer zu verstehen sein: Die Förderländer pumpen einfach alles Öl so
schnell wie möglich hoch, bis irgendwann keines mehr da ist. Diese Sicht
impliziert jedenfalls das Konzept der statischen Reichweite (siehe Fachjargon),
das die Ölgesellschaften so lieben, weil daraus folgt, dass Öl noch viele
Jahrzehnte reichen wird. Das Problem mit statischen Reichweiten ist, dass
die Ölförderung nicht so simpel ist.
Von Holzstapeln und Motorsägen
Die Produktion von Öl lässt sich am besten mit der Nutzung von Holz vergleichen.
Stellen Sie sich eine Insel vor, auf der es nur einen einzigen Zimmermann
gibt. Das Konzept der statischen Reichweiten beruht auf der Annahme, dass
die Ölreserven so genutzt werden wie ein Stapel Holz im Hoflager des Zimmermanns.
Wann immer er Holz benötigt, geht er nach hinten und nimmt so viel vom
Stapel, wie erforderlich ist. Wenn er mehr Aufträge bekommt und mehr Holz
benötigt, nimmt er einfach mehr heraus. Er hat immer ausreichend Holz
bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem er die letzte Bohle zersägt
und damit das ganze Holz verschwunden ist. Der einziger Faktor, der den
Holzpreis bestimmt, ist die Nachfrage: Wenn seine Holzarbeiten von weniger
Kunden gewünscht werden, senkt der Zimmermann den Preis, um die Nachfrage
zu stimulieren. Wenn er viel zu tun hat, erhöht er den Preis, um den Boom
auszunutzen.
Auf das Öl übertragen würde dies bedeuten, dass die 1050 noch im Boden
verbliebenen Gigabarrel bei einer gleichbeliebenden Verbrauchsrate von
27 Gigabarrel im Jahr noch weitere 39 Jahre ausreichen. Dann ist das Lager
plötzlich leer.
Aber Öl ist nicht einfach in einem riesigen Loch im Boden gelagert, aus
dem man es mit konstanter Rate herauspumpen kann. Stattdessen setzt sich
ein Ölfeld aus einer Menge von Lagerstätten verschiedener Größe zusammen,
und wenn ältere Lagerstätten versiegen, muss man neue erschließen. Das
Konzept der statischen Reichweite setzt voraus, dass das Öl bereits gefunden
wurde und geduldig im Lager wartet, bis man es braucht. In Wirklichkeit
muss man sozusagen erst die Bäume fällen.
Wenn wir uns also vorstellen, dass der Zimmermann jedes Mal, wenn er
Holz braucht, erst einen Baum fällen muss, treten die Probleme deutlicher
zu Tage. Bäume unterscheiden sich nach Größe, Nähe zur Verbrauchstätte
und Holzqualität. Zunächst würde unser braver Holzwerker vermutlich große
Bäume mit guter Holzqualität in der Nähe der Verbrauchstätte auswählen.
Da dies nicht viel Arbeit verursacht, könnte er seine Preise niedrig halten.
Aber im Laufe der Zeit wäre er gezwungen, kleinere Bäume zu fallen, die
sich in größerer Entfernung befinden und schlechteres Holz haben. Diese
zusätzliche Arbeit würde mehr Zeit in Anspruch nehmen und natürlich zu
höheren Preisen führen. Schließlich wäre er - sofern sich nicht eine Forstverwaltung
um die nachhaltige Ersetzung der Bäume kümmert - nicht mehr in der Lage,
genug Holz für die Bedürfnisse seiner Kunden zu finden.
Aber könnte er nicht die Bäume schneller fällen, um seine Produktionszahlen
hochzuhalten? Er könnte selbstverständlich einen Gehilfen anheuern (was
einer Erhöhung der Zahl von Bohrlöchern entspricht), aber das würde nur
zu einer schnelleren Erschöpfung der Ressourcen führen, und je schneller
man die großen Bäume in der näheren Umgebung fällt, desto schneller muss
man auf kleine und entfernt gelegene ausweichen. Neue Technologien können
nur bis zu einem gewissen Grad helfen: Wie modern auch immer die verwendeten
Motorsägen und Transportfahrzeuge sind, es ist immer ein bestimmter Zeitaufwand
erforderlich, um einen Baum zu fällen und zur Werkstatt zu bringen. Die
Produktion geht in jedem Fall zurück, man kann bestenfalls den Winkel
des Abfalls etwas verändern. Jede Erhöhung der Produktion bedeutet, dass
diese zuerst weniger schnell abfällt, später dafür umso drastischer.
Die Ölproduktion funktioniert fast genauso, allerdings mit dem entscheidenden
Unterschied, dass man Öl im Gegensatz zu Bäumen nicht nachwachsen lassen
kann. In unserer Analogie mit dem Zimmermann wäre also jeder gefällte
Baum für immer verschwunden.
So funktioniert die Ölproduktion. Das vorstehende Diagramm P1 zeigt den
Verlauf der Ölproduktion entsprechend der statischen Reichweite, wie bei
einem Holzstapel. Für ein einzelnes Bohrloch mag das sogar korrekt sein,
aber ein Ölfeld besteht aus vielen Lagerstätten. Diagramm P2 zeigt eine
etwas "ausgefeiltere" Version, die gerne von Ökonomen verwendet wird,
um zu zeigen, dass die Produktion einfach erhöht werden kann, um Schritt
mit dem Verbrauch zu halten, bis die Lagerstätten schließlich endgültig
geleert sind.
Diagramm P3 zeigt den Prozess, wie er sich wirklich abspielt, analog
dem Fällen von Bäumen in einem Wald. (In Wirklichkeit erfolgen natürlich
Neufunde nicht immer genau dann, wenn man sie gerade benötigt, außerdem
spielen politische und wirtschaftliche Effekte eine Rolle, deswegen verläuft
die Kurve in der Regel nicht so glatt. Insbesondere neigt die rechte Seite
dazu, nach rechts gestreckt zu werden, siehe Diagramm P4. Das Prinzip
bleibt davon unberührt.)

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Die Produktionskurve für das US-Kerngebiet (siehe Diagramm D2 auf der
Seite Neufunde) weist im Wesentlichen
genau diesen Verlauf auf. Auch wenn wir die Produktionskurve für die gesamte
Welt betrachten (Diagramm P5), erkennen wir bis Mitte der 1970er ein erstaunlich
getreues Abbild der theoretischen Kurve. Danach führten politische Umstände
dazu, dass der Trend unterbrochen wurde (siehe "Die Ölkrisen der 1970er"
auf der Seite Verbrauch). Das Ergebnis
war eine wirtschaftliche Rezession und ein Absinken des Verbrauchs. Da
weniger Öl verbraucht wurde, musste auch weniger produziert werden, was
zu der "Bergkette" führt, die jetzt in dem Diagramm zu sehen ist. Dieses
Absinken war aber vermutlich geradezu ein Segen, denn hätten wir Produktion
und Verbrauch von Öl nicht in den 1970ern und 1980ern gesenkt, würden
wir wohl bereits auf dem absteigenden Ast der Kurve sitzen und nach unten
der Katastrophe entgegenrutschen.

Der finanzielle Aspekt
Viele Kritiker der Vorstellung von einem Ölfördermaximum
argumentieren, dass bei einem Anstieg des Ölpreises zusätzliche Reserven
verfügbar werden, weil sich dann ihr Abbau lohnt. Wenn der Ölpreis auf
dem Weltmarkt beispielsweise 25 US-Dollar pro Barrel beträgt und die Förderkosten
für ein bestimmtes Feld bei 30 US-Dollar liegen, lohnt sich ein Abbau
des Feldes nicht, und es wird nicht zu den "förderbaren Ressourcen" gezählt
(siehe Fachjargon). Wenn jedoch der Ölpreis
auf 35 US-Dollar steigt, wird eine Förderung wirtschaftlich tragbar. Das
Argument impliziert, dass bei fallender Ölproduktion der Preis steigt
und damit zusätzliches Öl verfügbar wird.
Dies stimmt vermutlich sogar bis zu einem gewissen Grad
(obwohl sicher keine ungeheuren Mengen zusätzlich verfügbar werden). Dabei
ignoriert wird aber die Tatsache, dass dieses neue Öl kein billiges
Öl mehr ist. Der Preis bleibt notwendigerweise hoch und steigt noch weiter
an, und damit wird auch alles andere teurer - Elektrizität, Brenn- und
Treibstoffe, Kunststoffe oder Nahrungsmittel. Die Folgen sind Rezession,
steigende Arbeitslosigkeit und der Zusammenbruch des Finanzsystems. Wie
oft betont (und ebenso oft ignoriert) wurde, geht es bei der drohenden
Gefahr nicht um das Ende des Öls, sondern das Ende des billigen
Öls, und damit gleichzeitig um das Ende unserer Gesellschaft, die auf
der Verwendung billigen Öls beruht.
Die Hubbert-Kurve
Wir haben die Kurve, die am besten zum tatsächlichen Förderprozess passt,
nicht rein zufällig gefunden. Sie beruht auf den Arbeiten des US-amerikanischen
Geologen M. King Hubbert, der 1956 vorhersagte, dass die Ölproduktion
im US-Kernland ihr Fördermaximum im Jahr 1969 erreichen würde. Er sah
sich seinerzeit heftigen Schmähungen ausgesetzt, aber am Ende sollte er
sich lediglich um ein Jahr geirrt haben.
Die Hubbert-Kurve (wie sie heute genannt wird) ist eine graphische Darstellung
statistischer Daten, die durch die Überlagerung der Förderkurven vieler
einzelner Bohrlöcher zu einem übergeordneten Trend entsteht. Die tatsächliche
Ölproduktion folgt allerdings nicht immer diesem Kurvenverlauf. Falls
Neufunde in Intervallen erfolgen oder die statistischen Daten nur eine
begrenzte Anzahl von Bohrlöchern betreffen, sieht sie anders aus. Viele
Länder haben beispielsweise mehrere Fördermaxima, weil das Öl natürlich
erst gefunden werden muss, bevor man es fördern kann. Wenn in dem betreffenden
Land dann mehrere Zeiträume mit verstärkter Fundtätigkeit vorkommen, beeinflusst
dies natürlich auch die Produktionskurve.
Da die Produktion im US-Kernland ohne Unterbrechungen verlief, folgt
ihr Verlauf mehr oder weniger genau der in Diagramm D2 gezeigten Hubbert-Kurve.
Die Förderung Irans folgte zwar anfänglich der Kurve, wurde dann aber
durch Revolutionen und Kriege starken Schwankungen unterworfen, daher
sind zwei Fördermaxima aufgetreten.
(Wie die Kurve tatsächlich gebildet wird, erfahren Sie auf der Seite
Die Hubbert-Kurve.)

Frühere Vorhersagen
Zu Beginn dieser Einführung erwähnte ich den Kommentar, den jemand auf
einer Webseite zu meinen Fragen machte: "Soweit ich mich erinnere, hieß
es schon vor zwanzig Jahren, das Öl würde nur noch zwanzig Jahre reichen."
Dabei handelt es sich um eine weit verbreitete Einstellung, die auf mangelnden
Informationen beruht. Sie ist der Grund, warum ich meine Webseite nach
der Fabel von Äsop benannt habe, in der vor dem Wolf gewarnt wird. Sie
trifft außerdem nicht ganz zu.
In den 1970ern wurde tatsächlich oft behauptet, die Ölvorräte würden
sich gegen Ende des 20. Jahrhunderts oder sogar noch vorher erschöpfen.
Es gab aber auch die weitverbreitete Prognose, dass die Ölproduktion gegen
Ende des Jahrhunderts nicht am Ende sein, sondern ihr Maximum
erreichen würde, und dies war die Haltung beinahe aller seriöser Organisationen.
Wie es jetzt scheint, wäre diese Vorhersage exakt eingetroffen, wenn die
Produktion wegen der Ölkrisen der 1970er nicht zwischenzeitlich zurückgegangen
wäre. Die Leute erinnern sich an die zuerst genannten Behauptungen, aber
da sie sich des Unterschieds zwischen dem Ölfördermaximum und der Erschöpfung
der Ölvorräte nicht bewusst sind, gehen sie davon aus, dass alle Welt
damals eine Erschöpfung der Weltvorräte bis 2000 vorhersagte.
Auf einer Webseite zu diesem Thema (http://www.oildepletion.org/roger/index.htm)
findet man eine äußerst interessante Aufstellung der in den letzten dreißig
Jahren gemachten Prognosen zur Entwicklung der Welt-Ölförderung.
Frühere Vorhersagen der Ölproduktionsentwicklung
| Datum der Vorhersage |
Quelle |
Fördermaximum für konventionelles Öl |
Angenommene Gesamtförderung |
| 1972 |
ESSO |
"Öl wird nach dem Jahr 2000 immer knapper werden." |
2100 Gigabarrel |
| 1972 |
Bericht an die UN-Umweltkonferenz |
"wahrscheinlich, dass die maximale Produktion bis zum Jahr 2000
erreicht wird" |
2500 Gigabarrel |
| 1974 |
SPRU, Universität Sussex |
k. A. |
1800 - 2480 |
| 1976 |
GB-Energieministerium |
Fördermaximum: "ungefähr.2000" |
k. A. |
| 1977 |
Hubbert |
Fördermaximum: 1996 |
2000 Gigabarrel (Nehring) |
| 1977 |
Ehrlich et al. |
Fördermaximum: 2000 |
1900 Gigabarrel |
| 1979 |
Shell |
".Förderplateau innerhalb der nächsten 25 Jahre." |
k. A. |
| 1979 |
BP ("Oil Crisis.again?") |
Fördermaximum (nicht-kommunistische Welt): 1985 |
k. A. |
| 1981 |
Weltbank |
".Förderplateau um die Jahrhundertwende" |
1900 Gigabarrel |
| 1995 |
Petroconsultants |
Fördermaximum: 2005 |
1800 Gigabarrel |
| 1997 |
Ivanhoe |
Fördermaximum: 2010 |
ca. 2000 Gigabarrel |
| 1997 |
Edwards |
Fördermaximum: 2020 |
2836 Gigabarrel |
| 1998 |
IEA- Weltenergieprognose 1998 |
Fördermaximum: 2014 |
2300 Gigabarrel (Referenzfall) |
| 1999 |
USGS (US-Geologiebehörde) (Magoon) |
Fördermaximum: ca. 2010 |
ca. 2000 Gigabarrel |
| 1999 |
Campbell |
Fördermaximum: ca. 2010 |
2000 Gigabarrel (inkl. polar und Tiefsee) |
| 2000 |
Bartlett |
Fördermaximum: 2004 oder 2019 |
2000 oder 3000 Gigabarrel |
| 2000 |
IEA: Weltenergieprognose 2000 |
Fördermaximum: "Nach 2020" |
3345 Gigabarrel (von USGS) |
| 2000 |
Energy Information Administration (US-Energieministerium) |
Fördermaximum: 2016 - 2037 |
3003 Gigabarrel (von US-Geologiebehörde) |
| 2001 |
Deffeyes |
Fördermaximum: 2003 - 2008 |
ca. 2000 Gigabarrel |
| 2002 |
Smith |
Fördermaximum: 2011 - 2016 |
2180 Gigabarrel |
| 2002 |
"Nemesis" |
Fördermaximum: 2004 - 2011 |
1950-2300 Gb equiv. |
Viele der früheren Vorhersagen waren also korrekt und bleiben es auch.
Und das Zitat müsste eigentlich so lauten:
Soweit ich mich erinnere, hieß es schon vor zwanzig Jahren, das Öl
würde in dreißig Jahren sein Fördermaximum erreichen. Jetzt erzählt
man uns wieder, das Öl würde in den nächsten zehn Jahren sein Fördermaximum
erreichen. Ich frage mich, ob es in dreißig Jahren nicht heißen wird:
"Na, was hab ich euch gesagt?!"
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